nach Oben nach Oben nach Oben
|
* * * * * * * * * * * * * *
Kriegsende
– Polnische Verwaltung – Vertreibung – Neubeginn
( Eigenbericht: M. Klemenz, Glandorf ) Kriegsende
Ende 1944 setzte eine große Flucht der Bewohner östlich der Oder nach Westen , also nach Schlesien ein, da die Ostfront immer näher rückte. Pferde- und Ochsengespanne zogen die mit einer Plane überspannten, vollbepackten Wagen, und in den Monaten Januar und Februar 1945 nahm die Anzahl der Flüchtlingstrecks rapide zu. Das führte natürlich zu erheblichen Behinderungen auf den Straßen, da die deutsche Wehrmacht ja auch ihren Nachschub Richtung Osten transportieren mußte. Das Chaos voll machten dann die Herden mit Großvieh, welche die Wehrmacht zusammengestellt hatte und über die Landstraßen nach Westen trieb, damit diese nicht in die Hände der russischen Front fielen. So war in Münsterberg zeitweise der große und kleine Ring mit hunderten von Kühen, Ochsen und Kälbern belagert, die nach Futter und Tränke verlangten, die Kühe aber auch gemolken werden wollten. Ende Februar 1945, als die Ostfront bereits die Oder überschritt, flüchteten fast alle Einwohner des Kirchspiels Weigelsdorf mit Pferd und Wagen in das ca. 70 Km westlich gelegene, niederschlesische Gebirge. Aufgrund der verstopften Straßen brauchte man mehrere Tage für die Strecke. Diese Flucht war keinesfalls organisiert; weder die deutschen Behörden noch die deutsche Wehrmacht kümmerten sich um diese Flüchtlinge, und jeder mußte selbst sehen, wie er durch die Kriegswirren kam. Im Gebirge dann wurden sie von der Roten Armee eingeholt. Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 kehrten die Weigelsdorfer im Frühsommer nach und nach in ihr Heimatdorf zurück. Polnische
Verwaltung
Dort hatte die russische Wehrmacht inzwischen eine provisorische Verwaltung aufgebaut, die dann mehr und mehr in die Hände der polnischen Miliz (Polizei) überging. Der Begriff „unter polnischer Verwaltung“ ist ja oft zitiert und hinreichend bekannt. Einige polnische Familien waren bei Rückkehr der Weigelsdorfer schon in ihrem Dorf; der größte Teil aber kam im Laufe der nächsten Wochen, sei es per Bahn über Münsterberg, oder direkt mit ihren „Panjewagen“. Sie stammten vornehmlich aus Galizien und der Ukraine und waren dort „ausgesiedelt“ worden, denn ihr Heimatgebiet fiel durch die „Westverschiebung“ Polens an die Sowjetunion. Damit hatte Stalin dem Potzdamer Abkommen vom Juli 1945 bereits vorgegriffen. Den polnischen Familien wurden nun von der polnischen Verwaltung die deutschen Gehöfte und Anwesen zugeteilt, und zwar nach Gesichtspunkten, die nicht nachvollziehbar sind. Die deutschen Haus- und Hofbesitzer hatten jedenfalls auf ihrem Grundbesitz ab sofort nichts mehr zu bestimmen. Die RM wurde als Zahlungsmittel außer Kraft gesetzt und es galt nur noch der polnische Sloty, obwohl es sowieso nichts mehr zu kaufen gab, und das Überleben vom Tausch bestimmt wurde. Das gemeinsame Zusammenleben mit der polnischen Bevölkerung war nicht einfach, denn die Deutschen waren ja als Kriegsverlierer praktisch entrechtet, aber die deutschen Bewohner des Kirchspiels Weigelsdorf waren wenigstens noch in ihrer Heimat. Vertreibung
Das änderte sich im April 1946. Gerüchteweise hatte man in Weigelsdorf schon gehört, das die deutschen Bewohner von umliegenden Dörfern vertrieben worden seien. Aber keiner konnte dies so richtig glauben; bis zum 17. April 1946! Am Nachmittag des 17. April 1946 – Mittwoch vor Ostern – wurden von der polnischen Miliz die Familien informiert, die sich am anderen Morgen zwecks Zusammenstellung des ersten Transportes an der Kirche einzufinden hatten. Ausdrücklich bekanntgemacht wurde, daß nur Handgepäck für die einzelne Person gestattet ist. Die Reaktion der Betroffenen und der übrigen Dorfbewohner kann man einfach nicht schildern. Nach welchen Kriterien die Auswahl für den ersten Transport von der polnischen Miliz getroffen wurde, bleibt schleierhaft, denn der zweite Transport mit dem Rest der Weigelsdorfer deutschen Bevölkerung mußte erst im August 1946 die Heimat verlassen und kam in den Großraum Braunschweig/Seesen. Am Morgen des 18. April 1946 – Gründonnerstag - , versammelten sich nunmehr die Betroffenen an der Kirche. Anhand einer Liste der polnischen Miliz wurde überprüft, ob auch alle anwesend waren. Der Pfarrer von Weigelsdorf, Erzpriester Alfons Gloger, fand sich ein, um seinen Gemeindemitgliedern noch Trost zu spenden. Er selbst mußte erst mit dem 2. Transport Weigelsdorf verlassen. Zu diesem Zeitpunkt waren alle noch der Meinung, daß die Vertreibung nur vorübergehend sei, und man sich bald in Weigelsdorf wiedersehen werde. Das war ein Trugschluß, wie sich bald herausstellen sollte. Der Treck ging nunmehr zu Fuss in die 18 Km entfernte Kreisstadt Frankenstein. Nur Alte und Kranke durften auf einigen Ackerwagen, welche die Polen bereitgestellt hatten, mitfahren. Die folgende Nacht verbrachten die Vertriebenen in Notunterkünften, die im damaligen Hotel „Zum Elefanten“ eingerichtet waren, und der „Donnerbalken“ blieb noch vielen in Erinnerung. Am 19. April 1946 – Karfreitag –, erfolgte nun die Verladung in Güterwaggons, die notdürftig mit Stroh ausgelegt waren, und 35 bis 40 Personen wurden einem Waggon zugewiesen. Der gesamte Transport umfaßte ca. 340 Weigelsdorfer, wobei noch einige Vertriebene aus anderen Gemeinden, z.B. Krelkau, hinzukamen. Bei der Anzahl der Personen muß man berücksichtigen, daß es sich dabei vornehmlich um Frauen, Kinder, ältere Männer und Invaliden handelte, da die wehrpflichtigen Männer, die den Krieg überlebt hatten, noch in Kriegsgefangenschaft waren. Über das Ziel des Transportes wurde von der polnischen Miliz keinerlei Auskunft gegeben, was bei den Vertriebenen natürlich zur größten Besorgnis Anlaß gab. Am 20. April 1946 – Ostersamstag -, erreichte der Zug Liegnitz; dann ging es über Bunzlau nach Kohlfurt, das wir am 21. April 1946 – Ostersonntag -, erreichten. Jetzt bestand wenigstens die Hoffnung, daß der Zug weiter nach Westen fuhr, und nicht wie von allen befürchtet, nach Russland/Sibirien. Die Angst vor Sibirien verschwand endgültig, als der Zug am 22. April 1946 – Ostermontag - über die Görlitzer/Lausitzer Neisse fuhr. An beiden Ostertagen hielt der Zug einfach auf freier Strecke, fern jeder Ortschaft. Die Lokomotive wurde abgekoppelt und fuhr – wahrscheinlich um Kohlen und Wasser aufzutreiben – in irgendein Depot, und kehrte erst nach Stunden zu unseren Waggons zurück. Diese Gelegenheiten wurden sofort genutzt, um am Bahndamm über offenem Feuer aus den letzten Resten Mehl, Trockengemüse und auch Brennesseln eine Suppe zu kochen. Die Fahrt ging nun durch die sowjetisch besetzte Zone über Magdeburg zur Zonengrenze Marienborn, und am 23. April 1946 – Dienstag nach Ostern -, erreichten wir das Lager Mariental, 15 Km nördlich von Helmstedt in der britischen Zone. Hier übernachteten wir in ausgedienten Fliegerhallen. Außer einer gründlichen „Entlausung“ mit DDT-Puder bekamen wir auch seit Tagen die ersten warmen Mahlzeiten. Am 24. April 1946 – Mittwoch -, erfolgte nunmehr die Verladung in normale Personenzug-Waggons und die Fahrt ging weiter nach Westen über Braunschweig, Hannover, Osnabrück nach Hilter a.T.W., im südlichen Landkreis Osnabrück, wo wir am 25. April 1946 – Donnerstag -, morgens um 03.00 Uhr bei dichtem Schneetreiben, eintrafen. Es folgte eine notdürftige Unterbringung in einem Kalkofen einer stillgelegten Ziegelei (später Betriebsgelände Nilsson). Hier hatten wir auch den ersten Toten unseres Transportes zu beklagen. Ein älterer Bauer aus Niederkunzendorf hatte sich auf seinen Strohsack zur Ruhe gelegt und war einfach nicht mehr aufgewacht. Rückblickend muß man sich überhaupt wundern, daß aufgrund der Strapazen auf diesem Transport nicht noch mehr Personen verstorben sind. Am 26. April 1946 – Freitag - , wurden wir auf offene LKW`s verladen und die Fahrt ging in die Samtgemeinde Glandorf mit den Mitgliedsgemeinden Averfehrden, Schierloh, Schwege, Sudendorf und Westendorf. Etwa 50 Personen unseres Transportes wurden mit Fahrzeugen nach Pye bei Osnabrück verfrachtet und dort in der näheren Umgebung untergebracht. So wurde eine Dorfgemeinschaft auseinandergerissen. Für die Verteilung innerhalb der einzelnen Ortschaften waren die von der britischen Besatzung eingesetzten, deutschen Bürgermeister zuständig. Wahrlich, keine leichte Aufgabe, denn in vielen Häusern mußte nun enger zusammengerückt werden. Neubeginn
Aber das Leben ging weiter! Nach und nach kehrten die Väter, Söhne und Brüder, die den Krieg überlebt hatten, aus der Kriegsgefangenschaft zu ihren vertriebenen Angehörigen zurück. Neue Lebensgrundlagen wurden geschaffen; positiv beeinflußt von der im Juni 1948 durchgeführten Währungsreform, dem Lastenausgleichsgesetz von 1952, und dem bald einsetzenden „Wirtschaftswunder“. Die ersten entschlossen sich ein Eigenheim zu errichten, denn ab Anfang der fünfziger Jahre hatte wohl jeder Vertriebene seine Hoffnung auf eine Rückkehr nach Weigelsdorf begraben. Manche zogen auch von Glandorf weg, und siedelten in der Nähe ihrer Arbeitsplätze; aber die hier geblieben sind, wurden schon vor langer Zeit, wenn auch nicht gerade „alteingesessene“, aber „Glandorfer“, und es ist erstaunlich wie schnell sich ein gutes Zusammenleben mit den Vertriebenen – trotz anfänglichen Schwierigkeiten – entwickelte. Es wurde bald „durcheinander geheiratet“ und bei der folgenden Generation war die Vertreibung schon Geschichte. Im Laufe der letzten Jahre, vor allem nach der „Wende“ 1989 waren schon viele der Vertriebenen wieder in ihrer alten Heimat Weigelsdorf – aber als Touristen! Kurz vor einer Rückreise hört man dann in Gesprächen oft den Satz: "Morgen fahren wir wieder nach Hause, nach Glandorf im Osnabrücker Land ! Den Zusammenhalt der Vertriebenen des „Kirchspiels Weigelsdorf“ fördern seit 1986 die alle zwei Jahre stattfindenden zentralen Heimattreffen in Glandorf. Hinter dem Wort „zentral“ steht die Tatsache, daß die meisten Vertriebenen aus dem Kirchspiel in Glandorf, Braunschweig und Seesen, aber auch in anderen Gegenden leben; sogar nach Frankreich, Ohio/USA und Neuseeland hat es einige verschlagen. Durch die Heimattreffen nun wurde Glandorf zu einem Mittelpunkt für eine ehemalige Dorfgemeinschaft aus Schlesien, die bei ihren Treffen Erinnerungen austauscht, gewesene Kontakte erneuert, und sich einfach wieder einmal zusammenfindet. Die Gemeinde Glandorf unterstützte die Bemühungen bei diesen „Zentraltreffen“ und übernahm in einem Festakt am 27. September 1986 die Patenschaft für die Vertriebenen Deutschen des „Kirchspiels Weigelsdorf“. Dafür nochmals herzlichen Dank! Glandorf, im September 2005 * * * * * * *
23.03. |