|
2.) Ein
Künstler: >Wolfgang Weiß<
( Erlebnisse
Winter 1945 - Diesen Brief erhielt der Heimatausschuß und gibt den
handgeschriebenen Text nachstehend wortgetreu
wieder.)
------------------------------------
20.09.1994
Lieber
Heimatausschuß,
Weil ich dieses mal nicht dabei sein
kann, wollte ich ein wenig aus der Vergangenheit plaudern.
Natürlich überlasse ich Ihnen ob
der Brief bekannt wird oder nicht.
Vielleicht sind solche
Erzählungen zu traurig für einen schönen und gemütlichen Tag. Mit
vielen Grüßen an den Heimatausschuß von mir, bekannt oder unbekannt,
aber doch
Heimatfreundin.
Berti Naze
************
Liebes
Heimattreffen, liebe Freunde aus der
Heimat,
Leider kann ich beim Treffen der
Weigelsdorfer in diesem Jahr nicht dabei sein, aber im Geiste werde
ich jedem die Hand drücken und ich werde sagen: „Weißt Du`s noch ?-
Kannst Du Dich erinnern?“ – usw.-usw. Ich weiß, daß man erzählen
wird wie es heute in unserer Heimat aussieht, weil ja einige von den
Anwesenden schon mehrere Male dort gewesen sind. Doch jedesmal wenn
man mir von diesen Reisen erzählt, muß ich immer an meine letzte
Reise nach Schlesien denken. Jedesmal kommt es mir so vor, als
wäre es gestern gewesen.
- - - - -
Damals war ich in
Hamburg und von da bis Weigelsdorf war`s ein weiter Weg.
Mit Fliegerangriffen und Flüchtlingen aus Ostpreußen und
Schlesien. Es gab zwar überall Züge, die kamen und gingen, aber wenn
man fragte, wie man am besten nach Breslau käme, war es immer die
selbe Antwort: „Keine Einreise nach Breslau“! Kam man dann doch nach
Breslau, mußte man wieder zurück reisen, weil der Russe schon am
Odertore war. So nahm ich Züge mit nur kurzen Strecken, bis ich
endlich in Hirschberg war und von da wollte ich nach Glatz. Das
alles dauerte fast drei Tage, ohne Schlaf und ohne Essen. Doch am
schlimmsten war die Kälte auf dem offenen Bahnsteig in Hirschberg.
Dort war Schneesturm, und ich wartete fast einen ganzen Tag auf
einen Zug.
- - - - -
Freilich gab es Wartesäle, aber die
mußte man doch den Müttern lassen, die kleine und kleinste Kinder
hatten. Es waren viele Frauen da, die ihre Kinder mit
ausgestreckten Armen über ihre Köpfe hielten, damit man sie nicht
erstickte. Oft muß ich an diese Kinder denken und ich
frage mich, ob sie erfahren haben, wie schwer es für ihre Mutter
war, sie am Leben zu erhalten. Das – und noch viele,
viele traurige Ereignisse erlebte ich bis Glatz. In Glatz, gegen
22.oo Uhr – ich brauchte das erstemal nicht warten – kam ein Zug der
nach Strehlen fahren sollte. Aber niemand wußte wie weit der Zug
wirklich fahren würde. Es waren Truppen, die im Zug waren. Sie
sollten an die Front. Doch keiner wußte wo sie aussteigen würden.
Wir kamen nur sehr langsam vorwärts. Mehr als sechs Stunden
brauchten wir bis Münsterberg. Der Bahnhof war hell erleuchtet
wie im Frieden, nur daß man hin und wieder schießen hörte. Der
Beamte, den ich fragte ob die Dörfer ringsum die Stadt schon
geräumt wären, konnte mir keine Auskunft geben. Jetzt erst bekam ich
Angst, daß vielleicht meine Familie nicht mehr zu Hause wäre.
Noch nie hatte ich den Weg von der Stadt bis Weigelsdorf so
schnell zurück gelegt. Endlich die ersten Häuser von
Nieder-Kunzendorf. Außer dem Schnee, der laut knirschte, und
den Maschinengewehren die man in der Stille der Nacht hörte
als ob sie schon ganz nahe am Dorf wären, sahen die Häuser verlassen
aus. Aus keinem Fenster kam Licht, und Milchkannen waren auch nicht
auf der Straße. Man sah auch keine Spuren im Schnee von irgend einem
Menschen.
- - - - -
Beim Fleischer in
Nieder-Kunzendorf, sah ich endlich einen Menschen! Er
wollte mit dem Rade fahren, aber der Schnee wollte es
anders. Ich rief ihn sofort an weil ich wissen wollte ob meine
Eltern noch im Dorfe wären. Aber auch er wußte nichts genaues. Ich
lief immer schneller, bei dem hohen Schnee war das gar nicht so
leicht. Endlich die Kirche und das Schulhaus. Der
Weg zum Pfarrhaus und zu uns. Auch da hatte niemand Licht, aber
schließlich war es noch lange nicht 6.00 Uhr. So tröstete ich mich
und klopfte ans Fenster. Sofort wurde es lebhaft im Hause. Nur eben
sah ich immer noch kein Licht. Es gab nur Kerzenlicht weil ja der
Strom von Neisse kam und da war ja schon der Russe. Das Schießen ,
das man hörte, kam aus Wansen.
Die Mutter machte sofort Feuer und
ich erzählte warum ich gekommen war. " Ich will
euch nach Hamburg mitnehmen“! Aber die Mutter wollte davon
nichts wissen. Meine Eltern wollten auf meine Schwester warten. Sie
war dienstverpflichtet auf der linken Oderseite. Auch sie
hatte ich holen wollen, aber es war nicht mehr möglich gewesen dort
hin zukommen. Nach 24 Std. mußte ich wieder nach Hamburg zurück.
Genau so alleine wie ich gekommen war. Die Rückreise war viel
trauriger und schwerer als es die Hinreise gewesen war. Bei allem
was man sehen mußte war mir im Herzen klar,daß ich
dieses mal für immer von meiner
Geburtsheimat Abschied genommen hatte, und so kann ich es
nicht ändern, wenn ich bei jedem Treffen an meine letzte Reise
denken muß, und jeden den ich dann
in Glandorf treffe, ist für mich ein Stück Heimat, die mir so
zusagen auf halbem Wege entgegen kommt!
- - - -
-
Nun sende ich allen Anwesenden die aller
herzlichsten Grüße, und daß es wieder ein schönes Beisammensein
wird. Die Heimatfreundin sagt Ihnen allen: „Auf Wiedersehn`n !“
Vielleicht das nächste Mal.
* * * * * * *
************************************
Ein Künstler aus dem „Kirchspiel
Weigelsdorf“
Geboren am 21.
August 1932 in Oberkunzendorf
bei
Münsterberg, Krs. Frankenstein,
Schlesien
Er kam als
Vertriebener am 27. April 1946 nach Glandorf/Westendorf, wo er
bis 1955, und anschließend in Osnabrück, lebte.
- - - -
-
1948
Dreijährige Lehre bei
einem
Dekorations- und
Kirchenmaler.
1952 :
Besuch der Meisterschule
des
Deutschen
Malerhandwerks
in
Osnabrück.
1953 :
Zweijährige Ausbildung
als
Gebrauchswerber.
Seit 1956 :
Chefgrafiker, verantwortlich
für
Kreation und
Technik in einem
Werbeatelier in
Osnabrück.
Seit 1978 :
Mitglied im
Bund Bildender
Künstler.
- - - - -
Gemeinschaftsausstellung
(BBK)
in der Dominikaner-Kirche
und
im Akziese-Haus in
Osnabrück,
im
Stadtmuseum in Oldenburg
und in Derby ( England
).
- - - - -
Vernissage im Stadtmuseum und in der
Alten
Fuhrhalterei in Osnabrück,
Wien und Steinheim bei
Stuttgart.
- - - - -
Seit 1985 :
Mitglied der
Igda-Interessengemeinschaft
deutschsprachiger Autoren.
* * * * * * *
Wolfgang
Weiß war 1985 an den ersten Gesprächen im Zusammenhang mit
einem Zentralen Heimattreffen der Vertriebenen aus dem
Kirchspiel Weigelsdorf in Glandorf, und der Gründung eines
„Heimatausschusses“ maßgeblich beteiligt. 1986 entwarf und erstellte
er ein Wappen ( s. Startseite) für das „Kirchspiel
Weigelsdorf“, welches er gezielt dem inzwischen gegründeten
Heimatausschuß „Kirchspiel Weigelsdorf“ zur Verfügung stellte. Bei
dem ersten, Zentralen Heimattreffen am 27./28. September 1986 in
Glandorf wurde dieses Wappen erstmalig der Öffentlichkeit
vorgestellt
* * *
Es
zeigt in der oberen Hälfte eine Ähre mit sieben Kornreihen, womit
auf die ländliche Struktur der sieben Kirchspiel-Gemeinden
hingewiesen wird. Die vollen Körner sollen die Dörfer vor, und
die leeren Körner nach der Vertreibung 1946 versinnbildlichen.
Die linke untere Hälfte zeigt einen Teil des Schlesischen
Adlers. In der rechten unteren Hälfte wird der hl.
Bartholomäus dargestellt; der Schutzpatron der
Weigelsdorfer Kirche. Er war einer der zwölf Jünger Jesu und
gilt als Apostel des Osten, da er den Glauben u.a. in Armenien,
Persien möglicherweise auch in Indien verkündete. Das Messer in
seiner Hand versinnbildlicht die Sage, dass er bei einer
Missionsreise in Armenien bei lebendigem Leibe gehäutet und
anschließend gekreuzigt wurde. Christen begruben den Leichnam, und
erst Kaiser Otto II. brachte die Gebeine 983 nach Rom; die
Hirnschale kam im 13. Jahrhundert nach Frankfurt am Main in
den Dom St. Bartholomäus. In der kath. Kirche ist der 24. August
sein Gedenktag.
älfte HälHälfte zeigt einHälfte
* *
*
Im Jahre 1990 entwarf Wolfgang Weiß für
den Heimatausschuß „Kirchspiel -
Weigelsdorf“eine Glückwunschkarte zur Verwendung bei div. freudigen
Anlässen, wie runde
Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen u.a..Auf den äußeren Seiten dieser
Karte ist ein Blumenkranz, sowie sein Gedicht
„Mutterla Schlesien“ aufgeführt. Die
inneren Seiten zeigen in Verkleinerung das
Messtischblatt des Kirchspiels Weigelsdorf, das Wappen
des Kirchspiels, sowie seine wohl bekanntesten Zeichnungen
„Pfarrkirche Weigelsdorf“ und „Schloß Oberkunzendorf“. Vom
Heimatausschuß wird diese Glückwunschkarte bis heute noch, bei
entsprechenden Anlässen, an die Heimatfreunde des
„Kirchspiels Weigelsdorf“ versand.
* * * * * * *
Zwischen den
Zeiten.
***
Ja, ich erinnere
mich
an meine erste Kindheit
–
an Elternhaus, Mutters
Hände
und Vaters Arm –
an Geborgenheit,
Liebe,
Glaube, Heimat.
***
Ja, ich erinnere
mich
an meine Kindheit
–
an Krieg, Angst,
Grausamkeit,
Rechtlosigkeit,
Hunger,
Krankheit, Tod,
Flucht und
Vertreibung.
***
Ja, ich erinnere
mich-
keine Angst mehr, wieder
satt,
wieder
Geborgenheit,
wieder Ordnung, wieder
neue
Freunde,
wieder Hoffnung und
Glaube
an Morgen.
***
Ja,
ich erinnere mich –
an Arbeit, an
Aufbau,
an Glücklichsein
und große
Zukunftspläne.
***
Ja, ich hoffe immer
noch
auf die Zukunft –
aber Tag für Tag
bröckelt etwas davon ab
–
am Tage die hellen Erinnerungen
–
in der Nacht
die Angst und Not der
Vergangenheit.
***
Leben zwischen den Zeiten
–
vor oder hinter ihnen
?
Weiter
werde ich versuchen, zu hoffen.
W. Weiß
1986
* * * * * *
*
Mutterla
Schlesien
ei Denn Orma is`s
asu woarm asu
weech
Mutterla Schlesien
iich viel mich miech asu
wuhl.
Im Summer viel
Sunne
und im Winter viel
Schnii,
weiße Felder, griene
Wiesa,
gruße Berge, kleene
Bergla,
dunkle Wälder, sunnige
Lichta,
bunte Bluma,
kleene Häusla, gruße
Höfe,
kleene Stadtla, gruße
Städte,
kleene Teiche, gruße
Seen,
kleene Grabla, gruße
Flisse,
orme Menscha und reiche
Menscha,
is fahlte nischt.
Mutterla Schlesien
ma hoot miech
vertrieba
doas tut asu wieh.
W. Weiß 1989
* * * * * * *
Am
18. April 2004 verstarb Wolfgang Weiß nach längerer, schwerer
Krankheit in Osnabrück. Die Heimatfreunde aus dem „Kirchspiel
Weigelsdorf“ danken ihm vielmals für seine heimatbezogenen Arbeiten
und werden ihm ein besonderes Andenken bewahren.
(Bericht:
M. Klemenz, Glandorf, mit Genehmigung
von
Frau Christa Weiß, Osnabrück.)
* * * * * * *
|